Grillen ist zu einem ganzjährigen Lifestyle-Thema geworden. Damit wandeln sich auch die Ansprüche von Konsumenten. Wir sprechen mit Thomas Tornatzky vom Magazin MEAT IN über internationale Entwicklungen beim BBQ und in der Food-Kultur.
Neues kulinarisches Bewusstsein
Lieber Thomas Tornatzky, Ihr Magazin MEAT IN stellt regelmäßig Kulinarik in anderen Ländern vor. Wie beobachten Sie die internationale Marktentwicklung im Bereich der hochwertigen Food-Kultur?
Wir sehen international eine interessante Gegenbewegung zum anonymen Massenkonsum. Einerseits stehen Verbraucher unter wirtschaftlichem Druck und kaufen preisbewusster ein. Andererseits wächst bei einer relevanten Zielgruppe das Interesse an nachvollziehbarer Herkunft, handwerklicher Verarbeitung und besonderen Geschmackserlebnissen. Das bedeutet: Es wird möglicherweise nicht immer mehr Fleisch gegessen, aber bewusster ausgewählt. Statt einer großen Menge durchschnittlicher Ware entscheiden sich viele Konsumenten lieber für ein kleineres Stück mit klarer Herkunft, einer besonderen Rasse, längerer Reifung oder einer glaubwürdigen Geschichte.
Die Ansprüche von Konsumenten wandeln sich also?
International beobachten wir eine neue Wertschätzung für regionale Fleischkulturen. Alte Tierrassen, traditionelle Zuschnitte und fast vergessene Zubereitungstechniken
Erwartungen von Konsumenten
Wo sehen Sie weitere Veränderungen?
Ein weiterer wichtiger Punkt ist Transparenz. Begriffe wie „Premium“, „regional“ oder „nachhaltig“ reichen allein nicht mehr aus. Anspruchsvolle Konsumenten wollen wissen, aus welchem Betrieb ein Tier stammt, wie es gehalten und gefüttert wurde, wie lang die Transportwege waren und wo das Fleisch verarbeitet worden ist. Glaubwürdigkeit wird damit zu einem entscheidenden Qualitätsmerkmal. Für Erzeuger, Metzger, Gastronomen und Händler liegt darin eine große Chance: Hochwertige Food-Kultur funktioniert dann besonders gut, wenn Produktqualität, Handwerk und Kommunikation zusammenpassen. Eine schöne Verpackung kann eine überzeugende Geschichte unterstützen – sie kann aber keine fehlende Substanz ersetzen.
Welche Anforderungen haben bewusste Konsumenten heute an das Grillerlebnis
Moderne Konsumenten erwarten heute deutlich mehr als einen Grillrost und möglichst viel Hitze. Das Grillerlebnis soll hochwertig, unkompliziert, vielseitig und gesellschaftlich sein. Es geht nicht mehr allein darum, Fleisch über einer Wärmequelle zu garen. Outdoor Cooking ist zu einer eigenständigen Form des Kochens geworden. Bewusste Konsumenten achten zunächst auf die Qualität der Lebensmittel. Sie möchten Herkunft nachvollziehen können und sind zunehmend bereit, weniger, dafür aber besseres Fleisch zu kaufen. Gleichzeitig gehören Fisch, Gemüse, Käse, Brot, Pizza und ganze Menüs selbstverständlich zum heutigen Grillerlebnis. Das klassische Bild, bei dem nur Würstchen und Nackensteaks auf dem Rost liegen, ist längst überholt.

Mit jeder Ausgabe widmet sich das Magazin MEAT IN der hochwertigen Fleischkultur. © MEAT IN

Das Grillerlebnis soll heute hochwertig, vielseitig und gesellschaftlich sein. © Koelnmesse GmbH
Anforderungen an die Zubereitung
Welche weiteren aktuellen Bedürfnisse gibt es mit Blick auf den BBQ-Lifestyle
Hinzu kommt der Wunsch nach Kontrolle. Wer Geld für ein gutes Stück Fleisch ausgibt, möchte es präzise zubereiten. Eine gleichmäßige Hitzeverteilung, gut regulierbare Temperaturzonen und zuverlässige Kerntemperaturmessung werden deshalb immer wichtiger. Digitale Sensoren und App-Anbindungen können dabei sinnvoll sein – allerdings nur, wenn sie die Zubereitung tatsächlich vereinfachen. Technik darf kein Selbstzweck sein.
Was wird heute außerdem von einem guten Grill erwartet?
Ein Grill muss schnell einsatzbereit, intuitiv zu bedienen und ohne großen Aufwand zu reinigen sein. Gerade im urbanen Raum kommen kompakte Abmessungen und geringe Rauchentwicklung hinzu. Die aktuellen Marktentwicklungen reichen entsprechend von kompakten Elektro- und Gasgrills bis hin zu modularen Outdoor-Küchen. Der wichtigste Faktor bleibt aber das gemeinsame Erlebnis. Feuer schafft einen natürlichen Mittelpunkt. Menschen stehen zusammen, bereiten Lebensmittel zu, probieren, diskutieren und nehmen sich Zeit. Genau darin liegt die besondere Kraft des Grillens: Es verbindet modernes Kochen mit einem sehr ursprünglichen sozialen Ritual.
Entwicklung bei neuen Geräten
Welche interessanten Entwicklungen beobachten Sie bei Grillgeräten und Zubehör?
Besonders interessant finde ich derzeit vier Entwicklungen: Modularität, präzisere Temperaturführung, kompakte Hochleistungssysteme und die Verbindung verschiedener Zubereitungsmethoden. Modulare Systeme ermöglichen es, einen Grill schrittweise an die persönlichen Bedürfnisse anzupassen. Zusätzliche Elemente machen aus einem klassischen Grill eine flexible Kochstation. Das ist sinnvoller, als Konsumenten mit möglichst vielen Funktionen auszustatten, die sie später kaum verwenden. Bei der Temperatursteuerung werden Holzkohle- und Pellet-Geräte deutlich komfortabler. Präzise Luftzufuhr, elektronische Steuerungen und kabellose Temperaturfühler erleichtern sowohl das scharfe Angrillen als auch lange Garprozesse. Die Herausforderung besteht darin, die Vorteile moderner Technik zu nutzen, ohne das eigentliche Handwerk völlig aus der Hand zu geben.
Wie sieht es bei kompakten Geräten und beim Zubehör aus?
Der Bereich der kompakten Geräte entwickelt sich sehr dynamisch. Kleine Gas- und Elektrogrills, mobile Planchas, leistungsfähige Tischgeräte und tragbare Pizzaöfen bringen erstaunliche Temperaturen auf begrenzte Flächen. Damit wird anspruchsvolles Outdoor Cooking auch auf Balkonen, kleinen Terrassen oder beim Camping möglich. Gleichzeitig erleben klassische Systeme eine Renaissance, werden technisch weiterentwickelt und vielseitiger nutzbar. Der Markt bewegt sich deshalb nicht einfach von analog zu digital. Vielmehr entstehen unterschiedliche Lösungen für unterschiedliche Kochstile. Beim Zubehör sehe ich einen Trend zu weniger, aber hochwertigeren Produkten. Ein zuverlässiges Thermometer, gute Messer, robuste Zangen, sinnvolle Guss- oder Plancha-Flächen und professionelle Aufbewahrungslösungen sind meist wertvoller als eine Schublade voller kurzlebiger Gadgets.

Outdoor Cooking ist zu einer eigenständigen Form des Kochens geworden. © Koelnmesse GmbH

„Die spoga+gafa ist ein Seismograf für die BBQ- und Outdoor-Cooking-Branche“. © Koelnmesse GmbH
Neuheiten auf der spoga+gafa
Welche spannenden Neuheiten haben Sie noch auf der Messe entdet?
Die spoga+gafa ist für uns nicht nur eine Produktschau, sondern vor allem ein internationaler Seismograf für die BBQ- und Outdoor-Cooking-Branche. Hier lässt sich gut erkennen, welche Ideen echte Substanz besitzen und welche eher kurzfristige Marketingphänomene sind. Besonders auffällig war für mich, wie stark Grillen inzwischen als Bestandteil eines umfassenden Outdoor-Lifestyles verstanden wird. Die Grenzen zwischen Grill, Küche, Terrasse, Camping und Freizeit verschwimmen. Outdoor-Küchen werden wohnlicher und modularer, während mobile Geräte immer leistungsfähiger werden. Das Spektrum reicht von hochwertigen Einbau- und Kochstationen bis zu kompakten Systemen, die sich unterwegs mit wenigen Handgriffen vom Kochgerät zum Grill umbauen lassen. Spannend finde ich außerdem die Weiterentwicklung klassischer Feuertechniken. Ein gutes Beispiel für diese Verbindung von Tradition und Komfort sind moderne Systeme, die den authentischen Geschmack von Holzkohle mit präziser regelbaren Garprozessen kombinieren. Ein weiterer Schwerpunkt auf der Messe waren kompakte Pizzaöfen und multifunktionale Geräte. Entscheidend ist, dass ein Gerät nicht nur eine spektakuläre Maximaltemperatur erreicht, sondern diese Energie gleichmäßig und sinnvoll nutzbar macht.
Was erwarten Sie für die künftige Entwicklung?
Die Zukunft gehört aus meiner Sicht nicht dem einen universellen Grill, sondern intelligent konzipierten Systemen, die zu den tatsächlichen Bedürfnissen ihrer Nutzer passen. Die auf der diesjährigen spoga+gafa präsentierten Entwicklungen bestätigen diese Bandbreite – von präziser regelbaren Holzkohlegrills über kompakte Stadtgeräte bis hin zu modularen Küchen und mobilen Outdoor-Cooking-Systemen. Meine wichtigste Erkenntnis von der Messe lautet deshalb: Die Branche denkt zunehmend weniger in einzelnen Produkten und stärker in Nutzungssituationen. Es geht um Lösungen für den Balkon, die große Terrasse, die ambitionierte Outdoor-Küche oder das mobile Abenteuer. Gute Innovation erkennt man dabei nicht an möglichst vielen digitalen Funktionen, sondern daran, dass sie dem Nutzer mehr Kontrolle, Flexibilität und Freude am Kochen gibt.
Thomas Tornatzky ist Herausgeber des in Deutschland führenden Magazins für Fleischkultur MEAT IN (www.meat-in.de (externe Website)) und Geschäftsführer der Agenturgruppe NEUE FORMEN aus Köln (www.neueformen.net (externe Website))
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